Gender & Diversity: „die Stimme erheben“
Die menschliche Stimme ist Klang und Körper, Ausdruck und Haltung, Identität und Resonanzraum, individuell und im Kollektiv – verletzlich und kraftvoll. Stimme steht im Zentrum musikalischer und künstlerischer Praxis und ist zugleich Medium politischer Teilhabe: wandelbar, nicht selbstverständlich, umkämpft, oft sogar beschnitten.
Wir können die Stimme erheben im künstlerischen Ausdruck, im gemeinsamen musikalischen Schaffen, für einen guten Zweck oder im Widerstand gegen Unrecht. Wir können die Stimme senken, anderen zuhören und uns fragen: Was bedeutet es, eine Stimme zu haben? Was geschieht, wenn sie uns nicht zugestanden oder gar genommen wird?
Die Reihe Gender & Diversity: „die Stimme erheben“ möchte dieses vielfältige Möglichkeitsfeld erkunden und lädt alle zwei Wochen zu wissenschaftlichen Vorträgen, künstlerischen Impulsen und Diskussionen ein, um die Facetten der Stimme in unterschiedlichen kulturellen und historischen Kontexten zu erforschen.
die Stimme finden, erheben, verlieren. Historische Beispiele
Di., 21. 04. 2026, 17:30 Uhr, Raum 2.31
Vortrag Prof. Dr. Susanne Rode-Breymann
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Es hat eine sehr lange Tradition, dass Frauen ihre Stimme nicht erheben durften: Mulier taceat in ecclesia: Lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, dass sie reden, schreibt Pauls im 1. Korintherbrief. Wie steht es heute darum? Aktuelle Studien belegen, dass Redebeiträge von Frauen als wesentlich länger bewertet werden als die von Männern, dass Männer häufiger und länger zu Wort kommen als Frauen, sei es auf wissenschaftlichen Tagungen oder in Hollywoodfilmen.
Umso überraschender dann Konstellationen und Debatten, in denen es Frauen möglich war und möglich ist, musikbezogen ihre Stimme zu erheben, sei es als Komponistin, Musikerin, Mäzenin. Ein solcher historischer Moment war die (italienische) Renaissance: Querelles des femmes, der Geschlechterstreit, wurde zum gesamteuropäischen Phänomen. Vom 15. bis ins 17. Jahrhundert hinein erschienen über tausend Querelle-Schriften, darunter Moderata Fontes Il Merito delle donne (1600). Im Kontext dieser Debatte öffnete sich für Frauen ein Möglichkeitsraum, die Stimme als Komponistin zu finden und zu erheben, was insbesondere am Beispiel von Barbara Strozzi ausgeführt werden soll.
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Susanne Rode-Breymann studierte in Hamburg Alte Musik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft, war Wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten Bayreuth und Bonn und von 1999 bis 2004 Ordinaria für Historische Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Köln, 2024 bis 2024 Professorin für Musikwissenschaft mit einem Schwerpunkt in Gender Studies an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, wo sie 2006 das Forschungszentrum Musik und Gender gründete und leitete.
Seit Oktober 2024 ist sie Gastprofessorin für musikspezifische Genderforschung an der HfM Nürnberg im Rahmen des Spitzenprofessurenprogramms der bayerische Hightech Agenda. Im Fokus der letzten Jahre standen Hochschulleitung und -politik (2010 bis 2024 Präsidentin der HMTMH; 2017 bis 2023 Vorsitzende der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen; 2021 bis 2023 HRK-Vizepräsidentin für Kooperation und Vielfalt innerhalb des Hochschulsystems).
Trotzalledem – Amalie Joachim geb. Schneeweiss (1839−1899)
Di., 05. 05. 2026, 17:30 Uhr, Raum 2.31
Vortrag Prof. Dr. Beatrix Borchard (Hamburg/Berlin)
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Amalie Joachim war eine der bedeutendsten Lied- und Oratoriensängerinnen ihrer Zeit, für die zahlreiche Partien und Lieder geschrieben wurden. Besonders als Schubert-, Schumann- und Brahmsinterpretin machte sie sich einen Namen und galt als Instanz im Bereich der zeitgenössischen Liedkomposition, darunter für Richard Strauss und Gustav Mahler. Mit ihrer gemeinsam mit dem Musikschriftsteller Heinrich Reimann konzipierten „Geschichte des deutschen Liedes in vier Abenden“ entwarf sie eine gesungene Gattungsgeschichte. Mit diesen und anderen oft auf einzelne Komponisten oder Dichter konzentrierten Programmen trat sie nach ihrer Scheidung von dem berühmten Geiger Joseph Joachim ab 1884 regelmäßig in zahlreichen europäischen Städten und in den USA auf.
Was nach einer großen Karriere klingt, könnte man auch ganz anders erzählen, nämlich als eine gebrochene Berufsbiographie. Aber über alle Einbrüche und Rückschläge hinweg gab Amalie Joachim nicht auf. Sie kämpfte als Künstlerin und erhob ihre Stimme in einer Zeit, in der Frauen noch keine öffentliche Stimme zugebilligt wurde.
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Beatrix Borchard, Musikwissenschaftlerin und Musikpublizistin, Gründerin der Forschungsplattform Musik(vermittlung) und Gender(forschung) im Internet (MUGI).
Studium: Musikwissenschaften, Germanistik, Philosophie und Geschichte in Bonn und Berlin, Promotion: »Clara Wieck und Robert Schumann, Bedingungen künstlerischer Arbeit in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts« (1983, 2. Auflage Kassel 1992), Habilitation: »Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim. Biographie und Interpretationsgeschichte« Wien 2002 (2. Auflage 2007).
Bis April 2016 Professorin für Musikwissenschaften an der HfMT Hamburg, zuvor am Musikwissenschaftlichen Institut Detmold-Paderborn sowie jahrelange Lehrtätigkeit an der Universität der Künste Berlin.Buchveröffentlichungen: »Pauline Viardot-Garcia. Fülle des Lebens«, Köln/Weimar/Wien 2016; »Clara Schumann. Musik als Lebensform. Neue Quellen – andere Schreibweisen«, Hildesheim 2019, sowie »Fanny und Felix Mendelssohn – zwei Wege«, Hildesheim 2025.
2018 hat sie im Rahmen des Komponistenquartiers Hamburg „Räume für Fanny und Felix Mendelssohn“ sowie 2019 die Dauerausstellung zu Clara und Robert Schumann im Schumann-Haus Leipzig unter dem Aspekt „Experiment Künstlerehe“ kuratiert. Mehr zu Beatrix Borchard vgl. http:// b-bor.de
Musik und Widerstand: Lieder aus dem belagerten Ost-Aleppo (2012−2016)
Di., 19. 05.2026, 17:30 Uhr, Raum 2.31
Vortrag Dr. Clara Wenz (Institut für Musikforschung, Lehrstuhl für Ethnomusikologie, Julius-Maximilians-Universität Würzburg)
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Der Vortrag widmet sich Protestliedern, die im Kontext der syrischen Protestbewegung zwischen 2012 und 2016 in Ost-Aleppo entstanden sind. Viele dieser Lieder basieren auf neu betexteten qudūd – einem 2021 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannten Repertoire lokaler Volkslieder, das zuvor über Jahrzehnte von der Assad-Regierung zur kulturellen Selbstlegitimation instrumentalisiert wurde. Die auf Protesten gesungenen Neufassungen richteten sich nicht nur gegen das syrische Regime, sondern mitunter auch gegen Fraktionen der Freien Syrischen Armee und die islamistischen Gruppierungen, die Ost-Aleppo zeitweise kontrollierten.
Die Protestlieder aus Ost-Aleppo sind auf YouTube in Form zahlreicher, von Bürgerjournalist*innen hochgeladener Videos dokumentiert. Diese Videos einschließlich ihrer Metadaten – so die zentrale Annahme des Vortrags – bilden einen wesentlichen Bestandteil des immateriellen Kulturerbes der syrischen Protestbewegung. Gleichzeitig ist ihr Fortbestand gefährdet – sowohl durch die Löschung von YouTube-Kanälen als auch durch neue Formen der politischen Instrumentalisierung.
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2008–2010 Studium der Philosophie (HFPH) und Nahostwissenschaften (LMU) in München.
2010–2012 Arabisch-Studium in Damaskus und Beirut.
2012–2013 Master of Arts in Middle Eastern Studies (Schwerpunkt Musik) an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London.
2014–2015 Tätigkeit als Robert-Bosch-Kulturmanagerin am Goethe-Institut in Kairo.
2015–2019 Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes.
2019 Promotion im Fach Ethnomusikologie (SOAS) (Thema: Holding on to Aleppo – The Music and Sonic Afterlife of a City in Ruins).
2019–2021 Postdoktorandin der Martin Buber Society of Fellows in the Humanities and Social Sciences an der Hebräischen Universität Jerusalem.
Seit 2021 Akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl für Ethnomusikologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.
2022 Eröffnung des Habilitationsverfahrens (Arbeitstitel: „Horses in Contemporary Arab Song: A Musical-Equestrian Ethnography“).
Seit 2023 Mitglied im Jungen Kolleg der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
2025 Sibylle Kalkhof-Rose Akademie-Preis für Geisteswissenschaften der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.
Die eigene Stimme finden – Gender, Körper und Performativität im Orchesterdirigat
Di., 02. 06. 2026, 17:30 Uhr, Raum 2.31
Vortrag Charlotte Müller
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Bis heute sind Frauen* in der Chefdirigenz internationaler Orchester stark unterrepräsentiert. Historisch war diese ‚männlich‘ kodierte Führungsposition nicht für Frauen* und andere marginalisierte Personen vorgesehen. Trotz fortbestehender Ausschlüsse öffnen sie durch ihre Präsenz zunehmend das Feld und erschließen sich Gestaltungsräume. Der Körper der Dirigierenden ist zentral für die musikalische Kommunikation und wird gleichzeitig gesellschaftlich gelesen. Was bedeutet es in diesem Kontext, die eigene interpretatorische Stimme zu finden? Basierend auf Beobachtungen von Performances und qualitativen Interviews untersucht der Vortrag, wie marginalisierte Dirigent:innen ihre körperlichen Performanzen und Dirigierstile entwickeln und welche hemmenden wie fördernden Strukturen ihre Karrierewege prägen. Die Interviews berichten von schmerzvollen Diskriminierungserfahrungen, insbesondere von Sexismus und Rassismus, die zu Vertrauensverlust und Rückzug führen. Zugleich zeigen Solidarität und kollektive Unterstützung Formen des Empowerments, die es ermöglichen, die eigene Stimme in dem normativen, patriarchal geprägten Feld zu erheben und Impulse für Gleichstellung und Diversität in der Praxis zu setzen.
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Charlotte Müller ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Nürnberg mit dem Schwerpunkt musikbezogene Genderforschung. Ihre interdisziplinäre Arbeit verbindet empirische Forschung im Orchesterfach Dirigieren mit Ansätzen aus der Kulturwissenschaft, Soziologie sowie Gender- und Queer-Studies. Sie unterrichtet feministische Musikwissenschaft, Kritische Theorie, Postkoloniale Studien und Musiksoziologie und untersucht dabei Fragen von Identität, Repräsentation und Macht in der musikalischen Praxis.
Als aktive Musikerin ist sie in der Orchesterpraxis engagiert und setzt sich für vielfältige Repertoires jenseits des traditionellen Kanons ein. Für ihre empirische Forschung erhielt sie den 2. Preis des Best Paper Awards der Gesellschaft für Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung und präsentierte ihre Ergebnisse u. a. auf internationalen Konferenzen in Wien, Helsinki und London.
Raise the Voice, Win the Vote: Song as Political Strategy in the U.S. Suffrage Movement
Di., 16. 06. 2026, 17:30 Uhr, Raum E 09
Künstlerische Impulse und Vortrag Assistant Professor Kendall Winter (University of Kentucky, College of Fine Arts, School of Music)
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American suffragists enlisted music, songs, and sound to display their views and to influence lawmakers, voters, and disenfranchised women. However, antisuffragists, too, used the same sonic tools to achieve similar ends. Those opposed to woman suffrage centered the racial, religious, national, and class identities that the suffragists tried to marginalize, creating music replete with offensive connotations of exclusionary Otherness. In response, and in an effort to appeal to voters—who were mostly white men—suffragists cultivated a sound that problematically, yet effectively emphasized the whiteness, upper classness, Christianity, and American nativism of would-be women voters. Through seleected case studies the talk gives insights on political songcraft and performance practice surrounding the American women’s suffrage movement.
The talk is complemented by concert with jazz students from Nuremberg University of Music that brings on stage some of the repertoire of both American and European women’s suffrage movements.
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Kendall Hatch Winter is Assistang Professor of Music and Ethnomusicology at the University of Kentucky. She holds a PhD in from University of North Carolina at Chapel Hill (2024). In her primary research area, Dr. Winter focuses broadly on music and voter engagement, and in particular on songs, performance, and enfranchisement efforts during the American women's suffrage movement, ca. the 1850s to 1920s. Secondarily, her interests lie in music history pedagogy and ludomusicology. Her publications have appeared in the Cambridge Opera Journal and Musicology Now. Taking a cue from the historical subjects of her research, Dr. Winter enthusiastically embraces service and engagement opportunities and holds a number of volunteer, elected, and appointed roles in academic, professional, and community organizations. She is a proud past recipient of the Chancellor’s Boka W. Hadzija Award for Distinguished University Service (UNC-Chapel Hill).
Roundtable mit Blitzlichtern aus Vorträgen, Seminaren und der Gleichstellungsarbeit der Hochschule
Di., 30. 06. 2026, 17:30 Uhr, Raum 2.31