Referentinnen und Referenten 2015

Frank P. Bär

Frank P. Bär studierte an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen Musikwissenschaft und Linguistik des Deutschen. 1995 wurde er mit einer Arbeit über Holzblasinstrumente im 16. und frühen 17. Jahrhundert promoviert. Ein zweijähriger Aufenthalt in Paris galt der Erforschung des Pariser Holzblasinstrumentenbaus im 17. und 18. Jahrhundert. Seit 1997 ist er Leiter der Sammlung historischer Musikinstrumente am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, seit 2006 dort zusätzlich verantwortlich für den Programmbereich Forschungsservice.

Schwierige Wissenschaft oder: Was ist ein Schlaginstrument?

Obwohl der Begriff „Schlaginstrument“ unmittelbar einzuleuchten scheint, erweist er sich unter einem instrumentensystematischen Blickwinkel schnell als problematisch. In der Tat gruppiert er im allgemeinen Sprach- und praktischen Musikgebrauch Klangwerkzeuge, die in wissenschaftlichen  Klassifikationen in mindestens zwei Kategorien angesiedelt sind, den Idiophonen („Selbstklingern“) und den Membranophonen („Fellklingern“). Erschwerend kommt hinzu, dass Schlaginstrumente nicht nur durch Schlagen zum Klingen gebracht werden, dass etwa das Klavier durch (An-)Schlagen tönt, aber als Tasten- oder Saiteninstrument eingeordnet wird, und schließlich, dass Gegenstände als Schlagzeug verwendet werden, die dem Bereich des Alltags entnommen sind.

Was wie ein musikwissenschaftliches Glasperlenspiel anmuten mag, gewinnt in Zeiten der Digitalisierung und der Internetrecherche neue Brisanz: Nur eine eindeutige Klassifizierung ermöglicht es, in der wachsenden Datenflut das Gesuchte auch zu finden.

Ein Blick zurück in die Musikgeschichte zeigt das Problem von einer anderen Seite. Zwischen 1500 und etwa 1750 scheinen Schlaginstrumente nach dem Zeugnis der einschlägigen Traktate in der Kunstmusik nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Erst unter dem Einfluss des osmanischen Reichs entsteht ein Bewusstsein für die Möglichkeiten perkussiver Instrumente, das schließlich zum Ausbau des orchestralen Instrumentariums im 19. Jahrhundert führt.

Cornelius Altmann

Cornelius Altmann, geboren 1977 in Dresden, Musikalische Ausbildung an der Spezialschule für Musik Dresden „Carl Maria von Weber“. Im Anschluss Studium klassisches Schlagwerk und Pauken in Dresden und Leipzig bei Peter Sondermann und Karl Mehlig. Substitut in der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Seit 2003 Solo Schlagzeuger und stellv. Solopauker des Leipziger Symphonieorchesters. Ab 1998 Beschäftigung mit Paukenbau und Schlaginstrumentenbau im „Dresdner Apparatebau“. 2003 Gründung Werkstatt für Paukenbau und Schlaginstrumente: Dresdner Paukenwerkstatt und ab 2012 „Dresdner Apparatebau Becher & Altmann OHG“

Historischer Paukenbau im Sachsen des 17. und 18. Jahrhunderts

Mein Vortrag behandelt die Herstellung von Pauken in Sachsen im 17. und 18 Jh. Angefangen vom Kupfererzabbau, dessen Verarbeitung bis zum Roh-Kupferkessel und der Weiterbearbeitung zum fertigen Paukenkessel. Ich stelle die einzelnen Stationen vor, gebe Einblicke in die Arbeit der Kupferschmiede, und anderen beteiligten Gewerken. Ich zeige die Besonderheiten, wie z.B.: Markierungen an Kesseln, Schrauben und Beschlägen, Schalltrichter in Paukenkesseln, Messingpauken, Holzpauken, anhand von Bildern und originalen Anschauungsobjekten.

Mein Schwerpunkt liegt bei den Pauken aus sächsischen Kirchen, vor allem der Oberlausitz und dem Erzgebirge, wo bis heute noch viele Pauken erhalten sind, gespielt werden und von mir repariert oder restauriert wurden.

Harald Buchta

Geboren in Mannheim. Private Musikstudien mit den Schwerpunkten Orgel, Chor- und Orchesterleitung sowie historisch informierte Aufführungspraxis bei H.-R. Drengemann, L. Lohmann, E. Kooiman und P. Winkler. Studium der Musikwissenschaft in Heidelberg bei L. Finscher und S. Leopold, 1997 Promotion zum Dr. phil. mit der Arbeit „Pauken und Paukenspiel im Europa des 17. bis 19. Jahrhunderts“. 1987-1995 beim Collegium Musicum der Universität Heidelberg als Organisator, Korrepetitor und musikalischer Assistent beschäftigt, seit 1998 als Musiklehrer in Frankenthal/Pfalz (dort auch Abitur-Prüfungsbeauftragter und mit Schulleitungsaufgaben betraut), seit 2009 zudem auch in der Bläserarbeit der Musikschule Mannheim als Orchesterassistent tätig. Organistentätigkeit bei der evangelischen Kirchengemeinde Mannheim. Engagements als Spezialist für Barockpauke bei zahlreichen, auch international renommierten Orchestern (u.a. Zusammenarbeit mit F. Bernius, M. Gaigg, M. Hofstetter, A. Fischer, J. ter Linden, M. Seiler, P. Plunkett, E. Tarr, R. Friedrich und F. Immer). Mitwirkung bei Konzerten (u.a. bei den Festspielen in Schwetzingen, Ludwigsburg, Karlsruhe, Göttingen, Worms, Maulbronn und Kloster Eberbach), Rundfunk-, Fernseh- und CD-Aufnahmen in zahlreichen europäischen Ländern.

In den letzten Jahren zunehmend dirigentische Tätigkeit (u.a. Aufführungen von Händel/Messias, Mozart/Requiem, Mendelssohn/Hebriden-Ouvertüre, Psalm 42 „Wie der Hirsch schreit“ und „Elias“ (Auszüge), Dvořák/Messe in D-Dur und Symphonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“ sowie Jenkins/Mass for Peace).

Freiberufliche Autorentätigkeit für Musikzeitschriften, den SWR, die Deutsche Verlagsanstalt/bild der wissenschaft und den Bärenreiter-Verlag/MGG. Dozent bei der Internationalen Sommerakademie J. S. Bach 1998 in Stuttgart, 2004 beim Colloquium Barock-Pauke an der Schola Cantorum Basiliensis, 2007 bei der XXXV. Wissenschaftlichen Arbeitstagung und dem 28. Musikinstrumentenbau-Symposium im Kloster Michaelstein (hier auch Tagungsleitung) sowie beim Workshop „Barockpauke“ an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim. Im Wintersemester 2000/2001 Lehrauftrag für Instrumentenkunde an der Universität Heidelberg.

Vortrag „Verzierungspraxis und Klangerwartungen“

„Es werden [...] – um weder zu viele noch zu wenige Manieren [...] anzubringen – Musiker von einem gebildeten Geschmacke erfordert. Wer aber nicht hinlängliche Kenntnisse und einen wirklich guten Geschmack hat, dem würde ich rathen, sich der Spielmanieren gänzlich zu enthalten, und blos die vorgeschriebenen Setzmanieren gehörig vorzutragen“, schreibt Johann Ernst Altenburg 1795 in seinem Versuch einer Anleitung zur heroisch=musikalischen Trompeter= und Pauker=Kunst. – Der Vortrag „Verzierungspraxis und Klangerwartungen“ soll die Gratwanderung zwischen Möglichkeiten und Erwartungen ein wenig beleuchten und helfen, dem „guten Geschmack“ ein Stück näher zu kommen.

Norbert Eckermann

Norbert Eckermann gründete 1985 die Firma Eckermann Drums. Seine handgefertigen Membranen, Kessel- und Zargen mit Klangresonatoren für  Rahmentrommeln mit harmonischem Verhältnis der Obertöne zueinander und zum Grundton, stellen Musikern zuverlässige Instrumente mit besonderen Eigenschaften zur Verfügung. Die Mitwirkung bei Projekten (1999: Hamina Davul - 1998: Rekonstruktion von Irish Tambourin & Siev, Uni Cork (IRL) - 2002: Musikinstrumente der Begräbniskapelle des Freiburger Doms, Museum Leipzig - 2006: Rekonstruktion des Schellenkranzes im Fresko (1472-1481) der Kathedrale in Valencia (ESP) - 2010: Reparatur und Erneuerung der Membran der größten Rahmentrommel mit Naturfell im Haus der Musik (Wien) - Patente 1998: Stimmvorrichtung für Rahmentrommeln und Darabuka - 2008: Klangresonatoren in Rahmentrommeln), markieren die Tätigkeit im Bereich der Herstellung historischer und zeitgenössischer Perkussionsinstrumente.

 

 

Das Pergament – die klingende Membran, Membranstrukturen und Herstellung 

Der Vortrag ist ein Exkurs, der unter der Haut beginnt, durch sie hindurch führt, die unterschiedlichen Eigenschaften  und Bearbeitungsmethoden (historisch und zeitgemäß) des Materials, dessen Montage und Pflege beschreibt. Daraus resultierend ergeben sich unterschiedliche Vorgangsweisen beim Stimmen einer Membran, und für den Einsatz von historischen Instrumenten.

 

Miriam Noa

Miriam Noa studierte Musikwissenschaft, Geschichte und Deutsche Philologie in Berlin und Lyon sowie Schulmusik in Potsdam. Mit einer Studie zum Einfluss der Musik auf das deutsche Nationbuilding im 19. Jahrhundert wurde sie 2012 am Lehrstuhl für Musiksoziologie/Sozialgeschichte der Musik (Christian Kaden) der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Seit November 2013 ist Miriam Noa Wissenschaftliche Volontärin am Germanischen Nationalmuseum und der Hochschule für Musik, an der sie gleichzeitig einen Lehrauftrag für Musikgeschichte hat.

Zum Vortrag „Schlagzeugerinnen in antiken Hochkulturen“

„Und Mirjam, die Prophetin […] nahm eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken und mit Tänzen.“ Diese Erwähnung an einer der zentralsten Stellen der Bibel lässt vermuten, dass Frauen im Alten Israel eine nicht zu unterschätzende Rolle im Kult zukam. Auch in anderen Hochkulturen der Antike sind, wie zahlreiche Darstellungen belegen, Musikerinnen selbstverständlich; und oft scheint das Schlagwerk, auch in Verbindung mit Tanz, ihre Domäne. Waren Trommeln und Tanz, als Urformen musikalischer Äußerung und explizit in (Übergangs-) Riten eingesetzt, also „Frauensache“?

Vladimir Ivanoff

Der gebürtige Bulgare Vladimir Ivanoff studierte 1977-87 an der Ludwig-Maximilians-Universität München Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft. 1987 promovierte er mit einer Dissertation über das früheste bekannte europäische Lautenmanuskript. 1982-86 studierte er an der Musikhochschule Karlsruhe und an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel Renaissancelaute. 1990-92 arbeitete er mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft an dem Habilitationsprojekt „Europa und die Musik des Orients“. Seit 1985 nimmt er Lehraufträge an den Universitäten München, Bochum und Oldenburg wahr, hält Vorträge auf Symposien und Kongressen in Europa, den USA sowie im Nahen Osten und veröffentlicht Artikel in verschiedenen Fachzeitschriften. Als musikalischer Leiter des interkulturellen Ensembles Sarband konzertiert er seit 1986 weltweit und veröffentlichte bisher mehr als dreißig CD-Produktionen, die mit zahlreichen Auszeichnungen prämiert wurden (u. a. 2 Grammy Nominations 1992, Echo Klassik 2003 und 2006). 

www.sarband.de

 

Sprachlicher Vortrag und Musikausübung in der griechischen Antike und im islamischen Kulturraum haben enge Zusammenhänge miteinander.  Die Grundhaltung bezüglich musikalischer Metrik und Rhythmik zeigt deutliche Unterschiede zum modernen westlichen Taktsystem.

Während in der nahöstlichen Musik (auch in der Tradition der Antike) die ablaufende Zeit mit festkörperlichen Inhalten gefüllt wird, stellt das moderne westliche Taktsystem leere/freie musikalische Zeit zur Verfügung. Mittelalterliche europäische Notationen weisen jedoch darauf hin, dass in der europäischen Musik der „gefüllte“ musikalische Zeitablauf durchaus möglich war. In einer Übergangsperiode konnten  „gefüllter“ Zeitablauf und „leerer“ Zeitablauf in Mischformen auftreten. Eine erhöhte Aufmerksamkeit von MusikerInnen in der historischen Aufführungspraxis auf diese beiden Möglichkeiten des Zeitablaufs in der Musik kann vielversprechende Wege öffnen.

 

Philip Tarr

Philip Tarr ist 1968 in Basel geboren. Seit 2005 Lehrauftrag für Barockpauken an der Hochschule für Alte Musik, der Schola Cantorum Basiliensis, in Basel. Dort enge Zusammenarbeit mit Jean-François Madeuf, dem Pionier der lochlosen Naturtrompete, so wie sie im 16.-19. Jahrhundert gespielt wurde. Tarrs Hauptinteresse gilt der Improvisations- und Verzierkunst, mit der virtuose Pauker von der Barockzeit bis ins 19. Jahrhundert ihre Zuhörer in Bann hielten. Tarr ist erster Pauker und Perkussionist von Andrea Marcon und seinem Barockorchester La Cetra (Basel). Regelmässige Zusammenarbeit mit dem Hammerklavierspezialisten Arthur Schoonderwoerd (Ensemble Cristofori, Besançon; Einspielung aller Beethoven- und Mozart Klavierkonzerte auf alten Instrumenten). Zusammen mit Arthur Schoonderwoerd 2012 Rekonstruktion von Pauken- und Trompetenstimmen zu Mozart Klavierkonzert K 459 (Accent 24278). Tarr hat bisher auf 25 CD-Aufnahmen mitgewirkt und ist in vielen grossen Sälen Europas aufgetreten. Neben Andrea Marcon Auftritte und CD Einspielungen mit grossen Musikern wie Sigiswald Kuijken, Pierre Hantaï, Magdalena Kozena und Gustav Leonhardt.