Referentinnen und Referenten 2018

Tanz – Musik – Instrumente. Was wissen wir darüber? Eine Einführung.

Frank P. Bär (Nürnberg)

Die Rekonstruktion und Interpretation von historischen Formen darstellender Künste wie Musik, Tanz und Theater können als ein Versuch gesehen werden, der statischen Überlieferung in Form schriftlicher und bildlicher Quellen die nicht fixierbare Dimension der Zeit, genauer: der Bewegung, zurückzugeben. Die Beschäftigung mit Tanz als sozial inklusivem wie auch exklusivem Ausdrucksmedium kann, da von den Gegebenheiten des menschlichen Körpers mitbedingt, hilfreiche Informationen für eine – historisch und aktuell – informierte Aufführungspraxis von Musik liefern.

Frank P. Bär

Frank P. Bär studierte an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen Musikwissenschaft und Linguistik des Deutschen. 1995 wurde er mit einer Arbeit über Holzblasinstrumente im 16. und frühen 17. Jahrhundert promoviert. Ein zweijähriger Aufenthalt in Paris galt der Erforschung des Pariser Holzblasinstrumentenbaus im 17. und 18. Jahrhundert. Seit 1997 ist er Leiter der Sammlung historischer Musikinstrumente am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, seit 2006 dort zusätzlich verantwortlich für den Programmbereich Forschungsservice.

Tanzmeister, Prinzen und Bürger - Tanzkultur um das Jahr 1500

Moritz Kelber (Salzburg)

Tanzen war in der frühneuzeitlichen Gesellschaft omnipräsent. Getanzt wurde schichtenübergreifend zu den verschiedensten Gelegenheiten. Insbesondere in Adel und Bürgertum war Tanz ein zentraler Repräsentationsraum. Es ging um Sehen und Gesehenwerden. Viele Bälle wurden zum Spiegelbild der ständischen Gesellschaftsstrukturen und zum politischen Handlungsraum. Professionelle Tanz- und Zeremonienmeister achteten etwa penibel auf die Einhaltung hierarchischer Ordnungen.

Dieser Vortrag beschäftigt sich mit der Funktion des Tanzens in der Zeit um das Jahr 1500. Er fragt nach Stellung dieser Praxis innerhalb gesellschaftlicher Großereignisse. Wie griffen Bälle und Feste aktuelle tagespolitische Themen auf und welche Auswirkung hatte das auf die Gestaltung der Tanzmusik? Auf welche Weise nutzten Bürger und Adelige Tanzveranstaltungen als Machtinstrument?

Moritz Kelber

Moritz Kelber ist seit 2016 Forschungsassistent an der Universität Salzburg. Dort arbeitet er im FWF-Projekt Music printing in German-speaking lands: From the 1470s to the mid-16th century. Im Jahr 2016 schloss er an der Universität Augsburg sein Dissertationsprojekt zur Musik bei den Augsburger Reichstagen ab, das von Prof. Dr. Franz Körndle betreut wurde. 2017 wurde die Arbeit mit dem Dissertationspreis der Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften und dem Wissenschaftspreis der Stiftung der Universität Augsburg 2017 ausgezeichnet. Während seiner Dissertationszeit arbeitete Moritz Kelber als wissenschaftliche Hilfskraft am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg. Zwischen 2012 und 2014 war er Sprecher der Fachgruppe Nachwuchsperspektiven der Gesellschaft für Musikforschung. Seine aktuellen Forschungsinteressen liegen im Bereich der Musikgeschichte des 15., 16. und 17. Jahrhunderts. Fragen kultureller Identität beschäftigen ihn dabei genauso wie der Themenkomplex der Materialität(en) der Musik.

The main dance sources and styles in Europe between the XVI and the XVIII centuries

Ana Yepes (Paris)

The conference gives an overview of sources about dancing from the 16th to the 18th century with respect to the main countries of dance development, i.e. Spain, France and Italy. The relation between styles and their evolution will be examined and illustrated by some practical dance demonstrations, as well as the importance of knowledge about historical dancing for the interpretation of music in what concerns especially articulation, tempo etc. A bibliography of the sources will be at disposal for the audience.

Ana Yepes

Ana Yepes fand während ihrer Ausbildung zur Blockflötistin zum historischen Tanz. Prägend waren für sie ihr Studium bei Francine Lancelot und ihre eigenen Forschungen im Bereich des spanischen Barocktanzes. Ihre internationale Kariere als Tänzerin begann in den Ensembles „Ris et Danceries“ und „Hémiole“. Es folgten eine Vielzahl von Auftritten und Bühnenproduktionen als Tänzerin und Choreographin mit führenden Barockmusikspezialisten wie William Christie, Philippe Pierlot, Gabriel Garrido u.a., sowie mit ihrem eigenen Ensemble, der Ana Yepes Dance Company. Seit vielen Jahren unterrichtet sie auch als gefragte Tanzpädagogin in ganz Europa.

Ikonografie des Tanzes. Von der niederländischen Genremalerei bis zur Abstraktion des Boogie-Woogie

Dominik von Roth (Nürnberg)

Rhythmus gilt allgemein als das Musik und Tanz verbindende und gleichermaßen zugrunde liegende Element. Ordnung und Wiederholung im zeitlichen Verlauf stehen dem vermeintlich starren und zeitlosen Medium Bild diametral gegenüber. Genau dieser Gegensatz ist es, der in der bildenden Kunst immer wieder zu neuen malerischen Mitteln führte, um das an sich unbewegte Bild zu rhythmisieren und zu dynamisieren.

Körper und Bewegung, Regelwerk und Individualität, Freude und Verführung – als zum kunstvollen Zeichen gewordene ‚Sprache‘ prägten Tanz und Musik die bildende Kunst stets von neuem. Im Vortrag soll dem bezeichnenden Wandel nachgegangen werden, der innerhalb der Malerei vollzogen wurde: vom bloßen Abbilden tanzender Personen als gesellschaftliche Repräsentation hin zum Tanz als Mittel ästhetischen Ausdrucks.

Dominik von Roth

Studium der Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Kulturmanagement an der Hochschule für Musik Weimar, Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Università degli Studi di Perugia. Neben Tätigkeit im Bereich Kulturmanagement, Promotion in Musikwissenschaft 2014. Seit 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt "Die Neudeutsche Schule. Schriftenedition, Datenbank und Studien" (seit 2017 Übernahme der Hrsg. und Leitung). Projektkoordination "Schütz und Luther" (Heinrich-Schütz-Haus Weißenfels 2015), seit 2016 Koordinator des DFG-Projekts "Musikinstrumente sammeln - das Beispiel Rück" am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.

Forschungsinteressen sind Verhältnis von Bild, Text und Musik um 1800; Musikästhetik des 19. Jahrhunderts; Musikikonographie; Musikkritik und das Phänomen "Neudeutsche Schule"; historische Tasteninstrumente; Sammlungsgeschichte sowie allgemeine Kulturvermittlung.

A Gentleman’s Amusement. Der Tanz als Teil der Bewegungskultur & Aufklärung

Peter Hoffmann (Fürth)

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Stellung des Tanzes im allgemeinen Gesellschaftsleben. Zuvor spielte der Tanz eine wichtige Rolle bei der Präsentation bei Hofe und diplomatischen Anlässen. Adelige und Könige, insbesondere Ludwig XIV., übernahmen Tanzpartien, um nicht nur ihr Talent im Tanz zu zeigen, sondern auch um sich glorifiziert in Szene zu setzen.

Nach der Entscheidung Ludwigs XIV. 1770 mit dem Tanzen aufzuhören, verliert der Tanz an Bedeutung. Da danach professionelle Tänzer bei Aufführungen deren Platz einnahmen, hatte der Tanz nur noch reinen Unterhaltungswert. Hatte ein Tanzmeister, wie Johann Pasch der Ältere, bei Hof oft auch die Rolle des Erziehers, Fecht- und Reitlehrers, so treten diese Funktionen mehr und mehr in den Hintergrund.

Vielleicht um nicht weiter an Bedeutung zu verlieren und sich nur auf einen Tanzunterricht beschränken zu müssen, vielleicht auch im Geiste der Aufklärung, besinnen sich viele Tanzmeister in der Mitte des 18 Jahrhunderts dieser Verknüpfung von Fachgebieten. Es kommen mehr und mehr Werke auf, die eine allgemeine Bewegungslehre propagieren - Der Tanz zur leiblichen Erbauung.

Zur gleichen Zeit entsteht bedingt durch den Fortschritt in der Drucktechnik der Journalismus in seiner heutigen Form und des Massenmediums „Magazin“ und „Zeitung“. Die in ganz Europa entstehenden Magazine sind ein wichtiges Medium der Aufklärung.

Der Begriff der Zeitung lässt sich bis ins alte Rom zurückverfolgen, wo Pamphlete und Anschläge weit verbreitet waren. Im 17. Jahrhundert wandeln sich die Form, der Inhalt und die Funktion der Zeitung. Sie wird zum aktuellen Nachrichten- und umfangreichen Unterhaltungsmedium.

Wichtig für die Tanzforschung ist die Entwicklungsgeschichte des „Feuilletons“, der unterhaltsame Teil einer Zeitschrift. Feuilleton – das Blättchen - war der Titel der Theater- und Opernkritiken des französischen „Journal de Debats“ ab 1785. Die Form hat es aber viel mehr den verschiedenen englischen Magazinen nach 1730 zu verdanken. Während man heute Kreuzworträtsel, Comics, Witze, Rezepte, das Horoskop und die neuesten Aerobic-Übungen zur Unterhaltung der Leser verwendet, findet man in den ersten englischen „Journal-Experimenten“ Mathematikaufgaben,

Gedichte, Lieder, die Musik zu einem Menuett oder den neuesten Country Dance. Diese ersten Magazine richten sich meist an die Oberschicht mit gehobenen moralischen und inhaltlichen Ansprüchen. Das Erscheinungsbild dieser ersten Magazine ist sehr unterschiedlich. In jedem Land finden wir je nach der Mentalität der Bürger und Leser andere Formen, wie der Tanz in den Magazinen auftaucht. In Frankreich finden sich Anzeigen von Tanzveranstaltungen und Kritiken über Theateraufführungen. In Deutschland werden darüber hinaus Bücherbesprechungen und Artikel über den Tanz veröffentlicht. In England erscheint sogar monatlich eine neue Tanzchoreographie zur Erbauung der Leser. Diese englischen „Gentleman“-Magazine, die ab ca. 1730 erscheinen kommen unseren heutigen Zeitungen am nächsten.

Diese „Dances of the Month“ stellen ein wundervolles und reizendes Zeitphänomen der Aufklärung und der entstehenden Gentleman-Klasse in England dar. Nach 1790 verschwinden dann die Tänze mehr und mehr aus den Magazinen.

Peter Hoffmann

Peter Hoffmann beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten intensiv mit historischem Tanz. Ursprünglich zum Kommunikationsdesigner ausgebildet, gab er 2008 seine erfolgreiche Werbeagentur zugunsten seiner Passion auf und ist seither als Tanzlehrer, Veranstalter u.a. des jährlichen Jane-Austen-Balls, Berater in Sachen Tanz für Theater- und Fernsehproduktionen und als Autor tätig. In seinem Fachverlag „The Brand – Ihr Hoflieferant“ hat er zahlreiche CDs, Noten und pädagogisches Material rund um den Barocktanz produziert und stellt auf einem eigenen Youtube-Channel Schulungsvideos zur Verfügung. Seine Ausbildung zum Tänzer und Tanzlehrer erhielt er bei so renommierten Lehrenden wie u.a. Barbara Sparti, Andrea Francalanci, Barbara Segal und Gloria Giordano sowie während einer einjährigen Meisterklasse für Barocktanz bei Deda Cristina Colonna in Novara.

Bach, Poland and the Polish Style in His Music

Szymon Paczkowski (Warschau)

In 1736 Johann Sebastian Bach became Royal Polish and Electoral Saxon Composer (Königlich-Polnischer und Kurfürstlich-Sächsischer Hof-Compositeur). This well-known and frequently-cited title begs to address questions concerning the composer’s Polish connections in the 18th century, yet the topic remains surprisingly unexplored, even by Polish researchers.   

This paper will review our knowledge of the problem, and outlines what seem to be promising areas of research. It raises a range of questions relating to Bach’s contacts with Poland and Polish people, from the work of Bach’s pupils in Poland, the image of Poland in Bach’s music, the reception of Bach’s music in 18th-century Poland, to the transfer of Bach sources to Poland and further afield in the east, etc. The paper will also focus the popularity of the so-called Polish style and Polish dances in the music of the time and justify to a large extent the presence and importance of Polish elements in Bach’ music.

The paper will be illustrated by several musical examples and picture presentation.

Szymon Paczkowski

Szymon Paczkowski teaches at the Institute of Musicology, University of Warsaw. He has written two books on music in the Baroque period, Nauka o afektach w myśli muzycznej I połowy XVII wieku [The doctrine of affections in the theoretical thought od the 1st half of the seventeenth century] (1998) and Styl polski w muzyce Johanna Sebastiana Bacha [Polish Style in the Music of Johann Sebastian Bach] (2011), translated into English and published by Rowman & Littlefield in the series Contextual Bach Studies (2017).

His research focuses on various aspects of the history of musical culture in the seventeenth to nineteenth centuries, including the history, theory and aesthetics of music in the Baroque period, and the history of opera. He is involved in intensive archival research projects on the music culture of Poland and Saxony in the eighteenth century (a period of so-called Polish-Saxon Union under the reigns of August II and August III). He chaired the 12th Biennial Conference on Baroque Music held at the University of Warsaw in 2006 and the “Sixth Bach Dialogue Meeting,” a session of the Bach Network UK at the University of Warsaw, in collaboration with the National Chopin Institute in 2013.

Paczkowski is also actively involved in various outreach efforts promoting music and musicology, collaborating with Polish Public Radio (PR), the Warsaw Philharmonic, and Poland’s leading opera theatres. During 1999–2001 he was the conductor and artistic director of the University of Warsaw Choir.

Lob und Verteufelung des Tanzes

Linus Bickmann (Berlin)

Seit der Mensch tanzt, ist Für und Wider die Tanzkunst gestritten worden. So auch im Barock. Das für diese Epoche prägende Bild von Ludwig XIV. als tanzendem Sonnenkönig verdeckt jedoch bisweilen, dass das Tanzen auch in jener Zeit weiterhin Gegenstand kritischer Debatten war.

Der Vortrag widmet sich einem besonderen Aspekt dieser Auseinandersetzung, indem er die damalige Debatte um den Tanz im deutschsprachigen Raum näher beleuchtet. Denn mit einer Vielzahl von Tanzlehrbüchern setzte Anfang des 18. Jahrhunderts eine umfängliche Rezeption der französischen Tanz-Traktate ein.

Dass der Tanz keineswegs gegen „Hochheit, Ehr und Vernunft“ des Menschen verstoße, wie es in Grimmelshausen „Simplicius Simplicissimus“ (1668) einmal heißt, wird gerade in der Zeit um 1700 zum bestimmenden Gegenstand der Auseinandersetzung.

So stellt Johann Friedrich Schmid alias ‚Mercurius’ in seiner Schrift „Schau-Platz der Dantzenden“ (1671) die Gretchenfrage, „ob das dantzen Sünde sey.“ Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die umfassendste und wohl wirkungsmächtigste Schrift der Zeit, der von Gottfried Taubert verfasste „Rechtschaffene Tantzmeister“ (1717). Schon der Titel dieser geradezu enzyklopädischen Abhandlung deutet den Anspruch an, fachliche und moralische Instanz in allen Fragen des Tanzes sein zu wollen.

Mit Blick auf diesen Textkorpus wird zu fragen sein, inwieweit die inhaltliche Debatte um den Tanz noch im religiösen und höfisch-politischen Kontext der Zeit verankert ist. Schließlich treten an die Stelle der Rückbindung des Tanzens an adlige Tugenden und ritterliche Exerzitien wie Reiten und Fechten nun auch neue Kontexte der bürgerlichen Etikette. So wird das Tanzen z.B. zum Modell für eine umfassende Selbstdisziplinierung des Körpers oder auch zu einer Sittenschule im Umgang mit dem „beym Dantz gegenwärtigen Frauenzimmer“.

Linus Bickmann

Linus Bickmann ist Musikdramaturg und Assistent des General Managers bei der Akademie für Alte Musik Berlin. Geboren in Ostwestfalen, entdeckte er als Orgelschüler am Hohen Dom zu Paderborn seine Liebe zur klassischen Musik. Er studierte Musik- und Theaterwissenschaft sowie Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth, der Università Ca' Foscari in Venedig und an der FU Berlin. Sein großes Interesse gilt innerhalb der Alten Musik insbesondere der Barockoper. Studien zum Genre der Opernparodie führten ihn 2010 als Stipendiat an die Musikwissenschaftliche Abteilung des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Für die Lautten Compagney Berlin war er von 2012 bis 2015 als Musikdramaturg und Projektmanager des Ensembles tätig.